Einführung in das OSI-Referenzmodell

Die International Standardization Organization (ISO) will mit dem 1994 entwickelten Referenzmodell für Open System Interconnection (OSI) eine breite Basis für eine standardisierte Kommunikation zwischen Systemen zur Verfügung stellen. Dabei soll die Entwicklung neuer Standars koordiniert werden und bestehende in das Modell eingefügt werden können. Somit stellt das OSI-Referenzwerk ein allgemeines Modell für die standardisierte Kommunikation zwischen Rechnersystemen dar.

Das wichtigste Prinzip dieses Modells ist es, die Funktionen in verschiedene Schichten (Layer) aufzuteilen. Jede der sieben Schichten ist für spezielle Funktion verantwortlich und setzt niedere Schichten für eine funktionierende Übertragung voraus. Das OSI-Modell ist auch als Sieben-Schicht-Modell bekannt. Abbildung 1 zeigt diese Schichtarchitektur.


Abbildung 1 - Schichten des OSI-Referenzmodells

Im OSI-Referenzmodell hat jede Kommunikation eine horizontale und eine vertikale Komponente. Jede Schicht N in einem System kommuniziert mit Schicht N des anderen Systems. Regeln für diese Peer-to-Peer Kommunikation müssen über spezielle Protokolle (N-Layer-Protokolle) festgelegt werden. Auf den Ebenen 2 bis 7 findet eine logische Kommunikation statt. Lediglich auf Ebene 1 erfolgt tatsächlich eine physikalische Übertragung.

Dateneinheiten, die zwischen zwei Peers (gleichgestellte Partner) ausgetausch werden, heißen Protokol Data Unit (PDU) - DPDU für Data-Link-PDU, NPDU für Network-PDU. Um diese PDUs von einem Computer zum nächsten zu bekommen, findet eine vertikale Kommunikation statt. Jede Schicht (N) in diesem Modell erfüllt bestimmte Dienstleistungen, die sie der nächst höheren Schicht (N+1) zur Verfügung stellt.

Um diese Funktionalität zu realisieren, hat jede Schicht zwei Schnittstellen (Dienstzugangspunkt / Service Access Point (SAP).Jede Schicht bettet die Nutzdaten in Protokollinformationen ein. Damit wird sichergestellt, daß die Peer-Schicht des Kommunikationspartners weiß, was mit der PDU passieren soll. Diese Protokollinformationen werden auch Header (H) und Trailer (T) genannt.
Bei der Kommunikation zweier Anwendungen kann es sein, daß die Nutznachricht (Payload) sechs mal mit Protokollinformationen (-overhead) umschlossen wird. Abbildung 2 zeigt diesen Vorgang stilisiert. Protokollinformationen der Schicht N+1 werden von der Schicht N wie Nutzdaten behandelt. Dies sichert die Transparenz dieser vertikalen Kommunikation.


Abbildung 2 - Kommunikation zweier Anwendungen im OSI-Modell


Die Nachricht wird im Layer 1 auf einen Bitstrom umgewandelt und über das physikalische Medium übertragen. Das Empfängersystem durchläuft diesen Vorgang in umgekehrter Richtung: aus dem Bitstrom werden PDUs und die einzelnen Schichten werten ihre Protokollinfomationen aus und entfernen sie. Die verbeibende Nachricht wird an die nächst höhere Schicht weitergeleitet. Kommt die Nachricht bei der Anwendung an, sind alle Protokollinformationen entfernt und es können die Nutzdaten gelesen werden.

Sind bei einer Kommunikation Zwischensysteme beteiligt, so bearbeiten diese nur einen gewissen Teil der Informationen. Router verarbeiten die Informationen bis zur 3. Schicht und Switche die Informationen bis zur 2. Schicht.


Aufgaben der einzelnen Schichten

Übertragungsschicht (Physical Layer)
Schicht 1 des OSI-Referenzmodells beschreibt die elektrische und mechanische Übertragung zwischen an die Übertragungsanleitung angeschlossene Systeme. Es ist von der verwendeten Topologie abhängig, ob über diese Leitung zwei oder mehrere Systeme miteinandern verbunden sind. Dabei sind folgende Aspekte zu unterscheiden:
Mechanische Definition Festlegung der Spezifikationen über das Kabel, Stecker und entsprechende Pinbelegungen
Elektrische Definitionen Zuordnung der physikalischen Messgrößen bezüglich der logischen Werte 0 und 1 zur Darstellung der Bits. Es werden ebenso Festlegung über Winderstandswerte, Impedanz, etc. getroffen.
Funktionale Definition Es werden Aussagen darüber gemacht, wie die Funktionen der einzelnen Letungen und die Zeitabläufe anzusehen sind. Es wird zwischen Daten-, Steuer- und Erdungsleitung unterschieden.
Ebenso muß festgelegt werden, wie die Datenflußrichtung und die Bedeutung der Steuerleitungen auszusehen haben. Die Betriebsart der Übertragung ist ebenfalls Bestandteil der OSI-Schicht 1. Man unterscheidet hierbei zwischen serieller und paralleler Übertragung. Des Weiteren wird festgelegt ob eine Übertragung in beide Richtungen gleichzeitig (vollduplex) oder nur abwechselnd in eine Richtung (halbduplex) möglich ist. Kann eine Übertragung nur in eine Richtung stattfinden, so spricht man von Simplexverfahren.

Sicherungsschicht (Data Link Layer)
Die Schicht 2 stellt für die Schicht 3 eine gesicherte und transparente Datenübertragung zur Verfügung. Dies beinhaltet Fehlererkennung und Behandlung von Übertragungsfehlern, Flußkontrolle und Medienzugriffssteuerung. Die Datenpakete auf OSI-Schicht-2 werden als Frames bezeichnet. Sie werden sequentiell gesendet.
Je nach Protokoll ist ein Quittierungsmechanismus zur Flußkontrolle (gegenseitige Anpassung der Sendegschwindigkeit) und Bestätigung empfangerner Pakete (Acknowledgement / ACK).

Für lokale Netze (LAN)ist die Schicht 2 in zwie Subebenen aufgeteilt, die Media Access Control (MAC, Zugangsverfahren) und die Logical Link Control (LLC).Man unterscheidet zwischen zentralen und dezentralen Zugriffsverfahren. Beim zentralen Verfahren wird die komplette Übertragung durch eine übergeordnete Einheit geregelt. Das dezentrale Verfahren unterscheidet zusätzlich nich nicht deterministischen (Aloha, CSMA, CSMA/CD) und deterministische (Token, Slotted Ring) Zugriffsverfahren. Im Ethernet nach IEEE 802.3 verwendet als Zugriffsverfahren CSMA/CD (Carrier Sense Multiple Access with Collision Detection).

Netzwerkschicht (Network Layer)
Die Aufgabe dieser Schicht besteht darin, den Austausch von Binärdatenpaketen zwischen nicht direkt miteinander verbundenen Stationen zur steuern. Sie ist für den reibungslosen Ablauf der logischen Verknüpfung von, an physikalische Leitungen gebundenen, Schicht-2-Verbindungen zuständig. Der Datentransport erfolgt dabei über Zwischenknoten. Der Vermittlungsfunktion (Routing) wird in dieser Schicht besondere Aufmerksamkeit gewindmet.
Die Netzwerkschicht unterscheidet zwischen der Identifizierung der Knoten (Netzwerkadressen) und dem Auf- und Abbau logischer Verbindungskanäle (Routing, Flußsteuerung). Die Hauptaufgabe der Netzwerkschicht besteht darin, daß logische Knoten-zu-Knoten-Wege zwischen beliebigen Knoten aufgebaut werden können. Diese Verbindung kann auf verschiedene Art un Wiese hergestellt werden:
  • Leitungsdurchschaltung (verbindungsorientiert)
  • virtuelle Kanäle
  • Datagramme (paketorientiert)
Im Rahmen der Realisierung von OSI sind jedoch nur virtuelle Kanäle und Datagramme vorgesehen. Beide Verbindungen werden über das Store and Forward Prinzip von Datenpaketen realisiert. Es wird dabei keine elektrisch konstante Verbindung zwischen den beiden Endpunkten geschalten. Die Datenpakete werden von einer Station zu nächsten übertragen und dort zwischengespeichert. Anschließend werden die Pakete weiterversandt.

Bei der Nutzung virtueller Kanäle wird vor dem Versenden des ersten Paketes der Übertragunsgweg festgelegt. Die Datenpakete benötigen im weiteren Verlauf keine Angaben über Urspung oder Ziel. Ist die Datenübertragung beendet, so wird die Verbindung abgebaut.
Die Datagrammtechnik verwendet keinerlei konstante Verbindung zwischen Sender und Empfänger. Alle beteiligten Stationen treffen für jedes Paket die optimale Wegentscheidung (Routing). Dabei kann es sein, daß jedes Paket auf einem anderen Weg zum Ziel kommt, aber auch, daß die Pakete den selben Weg nehmen. Jedes Datagramm muß Informationen über Urspung und Ziel enthalten.

Zusammenfassend lassen sich die Aufgaben der dritten OSI-Schicht wie folgt darstellen:
  • Wegewahl (Routing)
  • Multiplexen von Schicht-2-Verbindungen
  • Sequenzbildung von Paketen (Aufteilung in angepasster Länge)
  • Flußkontrolle
  • Acknowledgemants
  • Fehlerbehandlung
  • priorisierte Übertragung
Transportschicht (Transport Layer)
Die Transportschicht ermöglicht es höheren Schichten eine Ende-zu-Ende-Kommunikation zwischen Prozessen herzustellen. Der Datentransfer ist für die Prozesse in diesm Fall transparent. Somit ist die Transportschicht die höchste netzabhängige und die niedrigste anwendungsabhängige Schicht.
Transportprotokolle sind standardmäßig in 5 Klassen unterteilt. Klasse 0 beinhaltet nur die Übertragung der Daten auf Basis der in Schicht 3 zur Verfügung gestellten Dienstqualität. Klasse 4 beinhaltet Fehlerekennung und Fehlerbehebung inklusive Multiplexen, Sequenzbildung, Flußkontrolle und Acknowledgments. Die Klassen 1 bis 3 beinhalten verschiedene Untermengen von Klasse 4.
Steuerungsschicht (Session Layer)
Die Aufgabe dieser Schicht besteht darin, den Dialog auch bei vorübergehendem Ausfall des Transportsystems aufrechtzuerhalten. Auf dieser Ebene können Prozesse gleichzeitig über mehrere Verbindungen kommunizieren. Die Sicherungsschicht ist verantworlich für die gegenseitige Vergabe der Sendeberechtigung, Definition von Synchronisationspunkten und Reset-Mechanismen.
Darstellungsschicht (Presentation Layer)
Die Darstellungsschicht ist im wesentlichen für Codierung und Darstellung, also Zeichensatz und Syntax, sowei die Benuntz beidseitig akzeptierter Datenstrukturen für die Kommunikation verantwortlich. Die Vereinabrung für diese Darstellungsaspekte sind über verschiedene Transfersyntax-Beschreibungen mit Hilfe von ASN.1 niedergelegt.
Typische Aufgaben der Schicht 6 sind Remote-Job-Entry-Funktion, Terminalemulation oder die Datenübertragung zwischen verschiedenen Systemen.
Anwendungsschicht (Application Layer)
Die Anwendungsschicht stellt anwenderspezifische Protokolle zur Verfügung. Sie bildet das Bindeglied zu den Anwendungen der Benutzer. Ihre Funktionen lassen sich in die Bereitstellung von Grundfunktionen für alle Anwendungen (Application Control Service Elements (ACSE) - Verbindungsauf- und abbau, Aktionssteuerung in verteilten Systemen), sowie anwedungsspezifsche Protokolle (Specific Application Service Elements (SASE) gliedern. Folgende Funktionen gehören zur SASE-Gruppe:

  • File Trasfer Access and Management (FTAM) - Zugriff auf entferntes Dateisystem (Attribute ändern und Dateitransfer)
  • Job Transfer and Manipulation (JTM) - Ausführen eines Programms auf einem entfernten Rechner und ständige Kontrolle dieses Programms
  • Virtual Terminal (VT) - Dialogzugriff auf entfernten Rechner
  • Message Handling System (MHS) - X.400 - Sammlung von Message-Handling-Funktionen gemäß X.400 Standard
  • Directory Service (DS - X.500 - Verzeichnis von Informationen über die Teilnehmer eines Netzwerkes nach dem X.500 Standard
Quellen Zenk, Andreas: Lokale Netze Die Technik des 21. Jahrhundert, München: Addison-Wesley-Longman, 1999
Borowka, Petra: InterNetWorking, 3. Auflage Bonn: MITP-Verlag, 2000
Böcking, Stefan: Objektorientierte Netzwerkprotokolle: Grundlagen, Entwurf, Implementierung - Bonn: Addison-Wesley-Longman Verlag GmbH, 1997



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